Warum manche Geschichten ein Leben lang bleiben
Meine Reise begann nicht mit einer PlayStation, nicht mit einem Gaming-PC und auch nicht mit einem C64. Meine Reise begann auf einer Magnavox Odyssey².
Danach kamen ein Atari, ein Game Boy, ein SNES, ein C64, ein Amiga 500, ein 486DX2, eine PlayStation, ein Pentium III, moderne PCs, Konsolen und inzwischen ist sogar eine Switch 2 auf dem Weg zu mir.
Wenn ich heute darauf zurückblicke, fällt mir etwas auf: Ich erinnere mich an erstaunlich viele technische Details. Aber noch viel stärker erinnere ich mich an Geschichten.
Der Rechner meines Bruders
Mein erster richtiger PC war ein Geschenk meines Bruders. Kein Tower, sondern ein breites graues Desktop-Gehäuse, wie es damals üblich war. Vorne eine gelbe 7-Segment-Taktanzeige, daneben die Turbotaste.
Im Inneren arbeiteten ein 486DX2, 8 MB EDO-RAM, eine SVGA-Grafikkarte, eine Soundblaster-Karte und ein 8x-CD-ROM-Laufwerk. Darauf lief Windows 3.11. Der 15-Zoll-Röhrenmonitor kam für rund 200 DM von Media Markt in Braunschweig.
Heute klingt das wie Technikgeschichte. Damals war es ein Tor in eine neue Welt. Ich erinnere mich noch an das Klicken der Turbotaste, an das Rattern des CD-ROM-Laufwerks und an die Programmgruppen von Windows 3.11.
Vor allem erinnere ich mich an dieses Gefühl: Hinter jeder Diskette und hinter jeder CD konnte etwas Neues warten.
Technik war nie das Ziel
Vielleicht liegt darin die eigentliche Erkenntnis. Ich mochte Technik schon immer. Aber selten wegen der Technik selbst. Technik war für mich Werkzeug, Eintrittskarte und Türöffner.
Das SNES war nicht einfach eine Konsole. Es war der Weg nach Zebes. Die PlayStation war nicht einfach eine Konsole. Sie war der Weg zu Metal Gear Solid, Resident Evil und Final Fantasy VIII.
Der Pentium III mit GeForce2 MX400 und 256 MB SD-RAM war nicht einfach ein PC. Er war mein Weg zu Max Payne. Wenn heute jemand GeForce2 MX400 sagt, denke ich nicht zuerst an Taktraten. Ich denke an Bullet Time, Schneefall, Comic-Panels und an die Atmosphäre eines Spiels, das im Kopf geblieben ist.
Die Figuren sind geblieben
Im Laufe der Jahre kamen unzählige Spiele. Manche habe ich beendet, manche nie, manche sogar mehrfach. Andere begleiten mich bis heute.
Witcher 1 bis 3 mit übernommenem Spielstand. Mass Effect von Teil 1 bis Andromeda. Persona 3 Portable, Persona 3 Reload, Persona 4 Golden und Persona 5 Royal. Resident Evil von Zero bis Village. Dark Souls. Bloodborne. Metroid. Cyberpunk. Red Dead Redemption 2.
Und irgendwann fiel mir auf: Ich erinnere mich nicht zuerst an Menüs, Systeme oder Tastenkombinationen. Ich erinnere mich an Figuren.
An Samus Aran. An Commander Shepard. An Geralt von Riva. An Arthur Morgan. An Solid Snake. An Guybrush Threepwood. An Kain und Raziel.
Und natürlich an den grünen Tentakel.
Vor allem an den grünen Tentakel.
Manche Fragen bleiben ungelöst
Es gibt Fragen, die die Menschheit bis heute beschäftigen. Zum Beispiel: Wie kam die Kokosnuss nach England?
Die afrikanische Schwalbe ist für den Charterverkehr nicht zugelassen. Nylon war noch nicht erfunden. Und trotzdem existiert die Kokosnuss.
Ich habe bis heute keine abschließende Antwort darauf gefunden. Dafür weiß ich inzwischen, dass blaues Licht blau leuchtet. Manche wissenschaftlichen Erkenntnisse brauchen eben Jahrzehnte.
Es waren nie nur Spiele
Mit den Jahren stellte ich fest, dass es eigentlich nie nur Spiele waren. Da waren auch He-Man und Skeletor, Evil-Lyn mit ihren eisblauen Augen, Queen, Highlander, Flash Gordon, Star Wars, Monty Python, Elvis, Die BMX-Bande und Band of Brothers.
Da waren Filme, Musik, Bücher, Serien, Spiele und Erinnerungen, die sich über Jahrzehnte angesammelt haben. Von außen betrachtet wirkt das vielleicht wie eine wilde Mischung. Für mich hat all das etwas gemeinsam: Es hat Spuren hinterlassen.
Manche Szenen bleiben nicht hängen, weil sie technisch perfekt waren. Sie bleiben, weil sie im richtigen Moment etwas ausgelöst haben. Ein Lied. Ein Satz. Eine Figur. Eine Stimmung. Manchmal reicht ein Name, und sofort ist die ganze Welt wieder da.
Geschichten kann man inzwischen bauen
Irgendwann verließen die Geschichten den Bildschirm. Heute stehen Dinge im Regal, die früher nur im Fernsehen, im Comic oder auf dem Monitor existierten. Dazu kommen Tabletop-Armeen, Regelwerke, historische Schlachten und Modelle, die über viele Stunden entstanden sind.
Manche Menschen sehen Miniaturen. Ich sehe Geschichten.
Gemeinsame Spieltage. Diskussionen. Unerwartete Wendungen. Freunde. Würfelwürfe. Erinnerungen.
Aus einem Spiel oder einem Film wird dann etwas Eigenes. Eine bemalte Figur ist nicht nur ein Modell. Sie ist Zeit, Geduld, Entscheidung und manchmal auch ein kleines Stück Persönlichkeit.
Von Weltenbesuchern zu Weltenbauern
Nicht weit davon steht heute ein 3D-Drucker. Früher habe ich Welten besucht. Heute entstehen manchmal kleine Teile davon direkt vor mir: Figuren, Modelle, Ideen, Werkzeuge, Unterrichtsmaterialien und Lösungen für Probleme.
Der Weg von einer Magnavox Odyssey² zu einem modernen 3D-Drucker klingt auf den ersten Blick ungewöhnlich. Für mich ergibt er erstaunlich viel Sinn.
Denn eigentlich geht es immer noch um dieselbe Frage: Was kann man damit erschaffen?
Vielleicht war es immer dieselbe Neugier
Der Junge vor der Magnavox Odyssey², der Jugendliche vor dem 486DX2 mit Windows 3.11, der Spieler vor dem Pentium III, der Besitzer eines SNES, das heute noch am Fernseher angeschlossen ist, der Tabletop-Spieler, der Bastler, der Maker und der Ausbilder: Das sind keine verschiedenen Personen.
Es ist dieselbe Geschichte. Und vermutlich dieselbe Neugier.
Diese Neugier hat sich nur immer wieder neue Werkzeuge gesucht. Erst Konsole, dann Computer, dann Code, dann Website, dann 3D-Drucker, dann Unterricht und Projekte.
Von Spielen zur IT
Wenn ich ehrlich bin, haben mich viele Dinge an der IT nie wegen der Technik selbst fasziniert. Mich hat immer interessiert, was man damit machen kann.
Ein Spiel erzählt eine Geschichte. Ein Film erzählt eine Geschichte. Ein Buch erzählt eine Geschichte. Eine Website erzählt eine Geschichte. Ein Programm erzählt eine Geschichte. Sogar eine Datenbank erzählt eine Geschichte.
Vielleicht nicht über Helden, Drachen, Vampire oder Raumschiffe. Aber über Menschen, Prozesse, Ideen und Zusammenhänge.
Im Kern geht es immer um dieselbe Frage: Wie kann man etwas sichtbar machen, das vorher nur eine Idee war?
Genau dort wird IT spannend. Sie verbindet Gedanken mit Werkzeugen. Sie macht Abläufe sichtbar, Informationen nutzbar und Ideen greifbar. Sie kann Ordnung schaffen, Kommunikation erleichtern und Menschen helfen, ihren Weg zu finden.
Vielleicht ist das auch Lehrwerk
Je länger ich darüber nachdenke, desto mehr glaube ich, dass genau deshalb Lehrwerk so gut zu mir passt. Denn Bildung besteht nicht nur aus Unterricht, Prüfungen oder Zertifikaten.
Menschen erinnern sich selten an jede Präsentation, jede Folie oder jede technische Einzelheit. Oft erinnern sie sich an Menschen, Projekte, Erfahrungen, Gespräche und Geschichten.
Vielleicht funktioniert Lernen gar nicht so anders als Spielen, Lesen oder Filme schauen. Die Werkzeuge verändern sich. Die Technik verändert sich. Die Plattformen verändern sich. Aber gute Geschichten bleiben.
Vielleicht erinnern sich Teilnehmende Jahre später nicht mehr an jede Unterrichtseinheit. Vielleicht erinnern sie sich aber an ein Projekt, an eine Begegnung, an eine Idee oder an einen Satz zur richtigen Zeit.
So wie ich mich heute noch an Samus Aran, Kain und Raziel, den grünen Tentakel, Max Payne oder Freddie Mercury erinnere.
Fazit
Meine Reise begann auf einer Magnavox Odyssey². Danach kamen Atari, Game Boy, SNES, C64, Amiga 500, 486DX2, PlayStation, Pentium III, moderne PCs und vieles mehr.
Heute steht ein Ultrawide-Monitor auf meinem Schreibtisch. Das SNES ist noch immer angeschlossen. Die Switch 2 ist unterwegs. Castle Grayskull steht im Regal. Der 3D-Drucker wartet auf das nächste Projekt. Und irgendwo diskutieren Kain und Raziel vermutlich noch immer über Schicksal und freien Willen.
Ich glaube inzwischen: Wir sammeln keine Konsolen. Wir sammeln keine Computer. Wir sammeln nicht einmal Spiele.
Wir sammeln Geschichten.
Manche beginnen auf einer Magnavox Odyssey². Manche vor einem 486DX2 mit Windows 3.11 und gelber 7-Segment-Anzeige. Manche bei einem SNES am Wohnzimmerfernseher. Und manche führen irgendwann über IT, Bildung, Projekte und viele Umwege ins Lehrwerk.
Wenn ich auf die letzten Jahrzehnte zurückblicke, dann waren Computer, Konsolen, Filme, Bücher, Tabletop, 3D-Druck und IT vielleicht nie getrennte Hobbys.
Es war immer dieselbe Neugier. Dieselbe Freude am Entdecken. Und dieselbe Frage:
Was passiert, wenn ich das einfach einmal ausprobiere?
