KI in der Ausbildung – Fluch und Segen zugleich?
Bedroht KI den Fachinformatiker?
Wie fange ich nur an? KI im Unterricht ist Fluch und Segen zugleich. Als ich meine IT-Ausbildung gemacht habe, hatten wir keine KI. Wir haben Videos geschaut und Websites durchforstet. Das hat meine Arbeitsweise auch sehr geprägt.
Dann wurde ich Ausbilder – und die KI eine Nervensäge. Nennt mich altmodisch, aber als die Auszubildenden anfingen, alles durch die KI zu jagen, anstatt selbst zu suchen, um ein besseres Verständnis zu bekommen, war das schon herausfordernd. Aber ich merkte schnell: KI ist ein Werkzeug, keine Lösung.
Es sieht so aus, als würde immer eine Lösung kommen, aber den Teil, der davor stattfindet, vergessen viele. Und nein, ich meine nicht, dass jemand sie programmiert hat. Sondern den Teil, wo wir Fachkräfte ins Spiel kommen – weit bevor der erste Prompt geschrieben wird.
In den Köpfen der Menschen ist es doch so: KI macht alles. Aber ist es nicht eher so, dass man eine Idee hat, sich mit anderen berät, die Idee wächst, man sie umsetzt und irgendwann nicht weiterkommt? Hier kommt erst die KI ins Spiel.
Oder bei der Ausbildung: Der Azubi weiß nicht, was er lernen soll. Dafür braucht man Fachkräfte, die ihn anleiten und ihre Erfahrungen teilen.
Langsam fange ich auch an, mit KI zu arbeiten. Aber durch meine Kenntnisse als Fachkraft arbeite ich anders mit ihr und kann besser definieren, was ich möchte. Mein Tempo steigt auch, was sehr befriedigend sein kann.
Und eine Sache ist mir aufgefallen: Die KI hilft mir sehr bei Teilschritten, hat aber große Probleme dabei, das große Ganze zu erfassen.
Ein kleines Beispiel mit einer Website: Die KI hilft mir bei den einzelnen Seiten, aber die Gesamtstruktur habe ich ohne Hilfe entworfen und immer wieder angepasst – in einem Tempo, das mit KI nicht möglich ist.
„Aber KI ist doch so schnell“, werden jetzt manche sagen. Und ja, das ist sie. Aber der Mensch muss sie immer noch bedienen, also Prompts schreiben und absenden.
Jetzt möchte ich aber auch einmal die KIs selbst fragen, was sie dazu sagen. Hier ihre Antworten:
Antwort von Copilot
Kurz gesagt: Nein, KI bedroht den Beruf Fachinformatiker nicht grundsätzlich – sie verändert ihn.
KI übernimmt vor allem Standardaufgaben wie:
- Code-Vorschläge und Boilerplate-Code
- Dokumentation
- Fehlersuche bei einfachen Problemen
- Automatisierung von Routineprozessen
Gleichzeitig bleiben viele Tätigkeiten menschlich:
- Anforderungen mit Kunden klären
- Systeme planen und integrieren
- IT-Sicherheit bewerten
- Architekturentscheidungen treffen
- Verantwortung für produktive Systeme übernehmen
- Teams koordinieren und Projekte umsetzen
Die Bundesagentur für Arbeit weist darauf hin, dass KI zwar viele Aufgaben beschleunigt, aber auch neue Berufsfelder schafft und Mitarbeitende von Routinetätigkeiten entlastet.
Für Fachinformatiker bedeutet das:
- Anwendungsentwickler werden KI als Werkzeug nutzen, ähnlich wie heute IDEs oder Git.
- Systemintegratoren profitieren von KI-gestützter Überwachung, Automatisierung und Analyse, müssen aber weiterhin Infrastruktur, Sicherheit und Betrieb verantworten.
- Kenntnisse über KI werden zunehmend Teil des Berufsbildes und der Ausbildung.
Gerade mit deinem Hintergrund als Fachinformatiker Anwendungsentwicklung und Ausbilder würde ich sagen: Die größere Gefahr ist nicht „KI“, sondern keine KI zu nutzen.
Wer lernt, Copilot, ChatGPT und ähnliche Werkzeuge produktiv einzusetzen, steigert seine Produktivität erheblich und bleibt gefragt.
Meine Einschätzung für die nächsten 10 Jahre: Weniger Fachinformatiker werden durch KI ersetzt, sondern eher Fachinformatiker, die KI ignorieren, durch Fachinformatiker, die KI beherrschen.
Antwort von Gemini
Die kurze Antwort lautet: Nein, KI bedroht den Beruf des Fachinformatikers nicht in seiner Existenz – aber sie verändert ihn drastisch.
Während das reine Schreiben von Standard-Code zunehmend automatisiert wird, verschiebt sich die Rolle des Menschen hin zu anspruchsvolleren Aufgaben.
Der Bitkom-Verband sowie aktuelle Analysen zeigen, dass KI in der IT zwar bestimmte Routineaufgaben ersetzt, gleichzeitig aber auch völlig neue Stellen schafft und den Fachkräftemangel abfedert.
Die Auswirkungen hängen stark von den jeweiligen Fachrichtungen ab:
1. Anwendungsentwicklung
Werkzeuge wie GitHub Copilot, Cursor oder Claude Code generieren bereits erhebliche Teile des Codes autonom. Das stupide Tippen von Boilerplate-Code fällt weg.
Entwickler werden zu KI-Orchestratoren und Prüfern. Man muss verstehen, wie Systeme zusammenspielen, Softwarearchitekturen designen, Business-Logiken übersetzen und den oft fehlerhaften oder ineffizienten KI-Code auf Sicherheit und Qualität prüfen.
Für Berufseinsteiger wird es schwieriger, da klassische Junior-Aufgaben wegfallen. Unternehmen suchen vermehrt Fachkräfte, die KI-Tools bereits produktiv nutzen können.
2. Systemintegration & Netzwerke
KI kann bei der Fehleranalyse in Netzwerken helfen, Skripte schreiben oder Konfigurationen vorschlagen.
Diese Fachrichtung ist sehr krisensicher. KI benötigt physische Server, Rechenzentren, Netzwerkinfrastrukturen, Cloud-Anbindungen und eine komplexe Absicherung gegen Cyberangriffe.
Eine KI kann keine Server verkabeln, keine Switches physisch austauschen und die physische IT-Sicherheit vor Ort nicht gewährleisten.
3. Digitale Vernetzung & Daten- und Prozessanalyse
Diese neueren Fachrichtungen profitieren massiv vom KI-Boom.
Daten müssen für KI-Systeme aufbereitet, Pipelines gebaut und Geschäftsprozesse digitalisiert werden. Fachinformatiker dieser Bereiche sind diejenigen, die KI überhaupt erst in Unternehmen integrieren und die Infrastruktur dafür bereitstellen.
Fazit
KI ersetzt nicht den Entwickler, sondern der Fachinformatiker, der KI nutzt, ersetzt den Fachinformatiker, der keine KI nutzt.
Wer sich darauf verlässt, lediglich vorgegebene Befehle in einfachen Code zu übersetzen, wird es schwer haben. Wer jedoch Problemlösungskompetenz besitzt, komplexe Systeme versteht und KI als „Super-Werkzeug“ zur Produktivitätssteigerung begreift, hat eine glänzende Zukunft vor sich.
Mein Fazit
Ich glaube, dass der richtige Umgang mit KI eine der wichtigsten Kompetenzen der nächsten Jahre wird. Nicht weil die KI alles übernimmt, sondern weil man lernen muss, ihre Stärken und Schwächen zu verstehen. Wer jede Antwort ungeprüft übernimmt, wird langfristig Probleme bekommen. Wer KI hingegen als Unterstützung nutzt und gleichzeitig sein Fachwissen ausbaut, kann deutlich produktiver arbeiten.
Gerade in der Ausbildung sehe ich deshalb eine große Aufgabe für Ausbilder und Lehrkräfte. Es reicht nicht mehr aus, nur Fachwissen zu vermitteln. Wir müssen auch zeigen, wie man Informationen bewertet, Ergebnisse hinterfragt und KI sinnvoll in den Arbeitsalltag integriert. Denn die beste Antwort nützt nichts, wenn man nicht erkennen kann, ob sie überhaupt richtig ist.
Für mich persönlich hat sich die Sicht auf KI in den letzten Jahren verändert. Anfangs war ich eher skeptisch und habe vor allem die Nachteile gesehen. Mittlerweile nutze ich sie selbst regelmäßig. Nicht, um Entscheidungen für mich treffen zu lassen, sondern um schneller ans Ziel zu kommen. Die Verantwortung für das Ergebnis liegt aber weiterhin beim Menschen.
Deshalb sehe ich KI weder als Fluch noch als Heilsbringer. Sie ist ein leistungsfähiges Werkzeug, das uns viele Aufgaben erleichtern kann. Doch Ideen, Erfahrung, Kreativität und Verantwortung kommen weiterhin von Menschen. Genau deshalb wird es auch in Zukunft Fachkräfte, Ausbilder und Experten brauchen.
Nachtrag
Nach der Veröffentlichung dieses Artikels sind viele weitere Gespräche und Erfahrungen zum Thema KI entstanden. Dabei rückte weniger die Frage nach einzelnen Antworten in den Mittelpunkt, sondern die Frage, wie sich die Zusammenarbeit zwischen Mensch und KI über längere Zeiträume entwickelt.
Ergänzend dazu hat die Lehrwerk GmbH ein Positionspapier veröffentlicht:
Positionspapier der Lehrwerk GmbH
Außerdem ist aus den vielen Gesprächen, Beobachtungen und Erfahrungen ein weiterer Beitrag entstanden:
Was passiert, wenn man über Monate hinweg mit einer KI dieselben Themen reflektiert?
