Wenn Menschen an die betriebliche Lernphase einer Umschulung denken, fällt häufig zuerst das Abschlussprojekt ein. Dabei ist diese Phase oft viel mehr als das.
Natürlich gehören Projekte, Dokumentationen und die Vorbereitung auf die Abschlussprüfung dazu. Gleichzeitig ist die betriebliche Lernphase aber auch der Zeitpunkt, an dem aus Unterricht echte Praxis wird. Aus Übungen werden reale Aufgaben. Aus Wissen werden Erfahrungen. Und manchmal entstehen dabei Dinge, die noch lange nach der Umschulung genutzt werden.
Genau das macht diesen Abschnitt der Umschulung für mich besonders spannend.
Lernen bedeutet mehr als nur Wissen anwenden
Im Unterricht können viele Situationen vorbereitet und nachvollzogen werden. Fehler gehören zum Lernen dazu und sind ausdrücklich erlaubt.
In der betrieblichen Lernphase kommen jedoch neue Herausforderungen hinzu. Plötzlich gibt es echte Anwender, reale Anforderungen und Aufgaben, deren Ergebnisse tatsächlich genutzt werden sollen. Dabei geht es nicht nur um Technik.
Es geht ebenso um Kommunikation, Teamarbeit, Organisation, Dokumentation und die Fähigkeit, mit unerwarteten Problemen umzugehen.
Viele Teilnehmende stellen in dieser Zeit fest, dass Informatik weit mehr ist als Programmcode oder Netzwerkkonfigurationen. Oft sind es gerade die kleinen Herausforderungen des Arbeitsalltags, die langfristig die wertvollsten Erfahrungen vermitteln.
Die erste Praxiswerkstatt in Braunschweig
Ein Beispiel, das mir persönlich besonders in Erinnerung geblieben ist, entstand Ende 2025 im Lehrwerk in Braunschweig.
Gemeinsam mit Teilnehmern aus der Fachrichtung Systemintegration haben wir zwischen November 2025 und Januar 2026 unsere erste Praxiswerkstatt eingerichtet. Die Teilnehmer unterstützten dabei nicht nur beim Aufbau der Arbeitsplätze, sondern auch bei der technischen Anbindung des Raumes an unsere bestehende Netzwerkinfrastruktur.
Damals entstand zunächst ein Raum für praktische Arbeiten und Übungen. Inzwischen wird die Werkstatt in dieser Form nicht mehr genutzt. Die damals geschaffene Netzwerkanbindung ist jedoch weiterhin Teil unserer Infrastruktur und wird heute für unseren Certiport-Prüfungsraum genutzt.
Für mich ist das ein schönes Beispiel dafür, dass Lernen manchmal sichtbare Spuren hinterlässt. Was ursprünglich Teil einer Lernphase war, wird auch heute noch aktiv verwendet.
Projekte mit echtem Nutzen
Im Wissenscenter haben wir bereits über zwei besondere Abschlussprojekte berichtet.
Ein Teilnehmer entwickelte ein eigenes Jump-and-Run-Spiel mit Unity und arbeitete sich dafür selbstständig in eine Technologie ein, die nicht zu den regulären Unterrichtsinhalten gehörte. Ein anderer Teilnehmer richtete einen OctoPrint-Druckserver auf Raspberry-Pi-Basis für unseren 3D-Drucker ein.
Beide Projekte entstanden ursprünglich im Rahmen der betrieblichen Lernphase. Beide werden heute noch genutzt.
Solche Beispiele zeigen, dass betriebliche Lernphasen weit mehr sein können als reine Pflichtaufgaben. Sie bieten Raum für Kreativität, Eigeninitiative und die Möglichkeit, etwas zu schaffen, das auch nach dem Projektzeitraum einen Nutzen hat.
Erfahrungen außerhalb des Lehrwerks
Nicht jede betriebliche Lernphase findet im Lehrwerk statt. Viele Teilnehmende sammeln ihre Erfahrungen in Unternehmen der Region und übernehmen dort bereits früh Verantwortung.
Sie arbeiten im Support, unterstützen Administratoren, helfen bei der Betreuung von Infrastruktur, wirken an Softwareprojekten mit oder verbessern bestehende Abläufe. Manche arbeiten an produktiven Anwendungen, andere richten Monitoring-Lösungen ein oder unterstützen den laufenden IT-Betrieb.
Gerade diese Vielfalt macht die betriebliche Lernphase so wertvoll. Jeder Betrieb, jedes Projekt und jeder Teilnehmer bringt seine eigene Geschichte mit.
Meine eigene betriebliche Lernphase
Wenn ich an meine eigene betriebliche Lernphase zurückdenke, denke ich heute nicht zuerst an mein Abschlussprojekt.
Ich erinnere mich vor allem an die tägliche Arbeit, an Supportfälle, an reale Anforderungen und an die Zusammenarbeit mit Kollegen. Damals war ich unter anderem im 1st- und 3rd-Level-Support tätig, arbeitete mit Datenbanken, unterstützte Entwicklungsaufgaben und lernte, wie unterschiedlich Menschen an Probleme herangehen.
Rückblickend war dabei weniger eine einzelne technische Lösung entscheidend. Viel wichtiger war die Erkenntnis, dass Probleme oft unterschiedliche Ursachen haben können und dass es sich lohnt, Zusammenhänge zu verstehen, statt nur einzelne Symptome zu betrachten.
Diese Sichtweise begleitet mich bis heute. Vielleicht ist genau das eine der wichtigsten Erfahrungen, die eine betriebliche Lernphase vermitteln kann.
Darauf bin ich stolz
Natürlich freue ich mich über bestandene Prüfungen und erfolgreiche Berufsabschlüsse.
Besonders stolz bin ich aber, wenn Teilnehmende etwas hinterlassen, das auch Jahre später noch einen Nutzen hat.
- Eine Netzwerkanbindung, die weiterhin Teil der Infrastruktur ist.
- Ein Projekt, das den Alltag erleichtert.
- Eine technische Lösung, die dauerhaft genutzt wird.
- Eine Idee, die von anderen weitergeführt wird.
Hinter all diesen Ergebnissen stehen Menschen, die sich auf neue Herausforderungen eingelassen, Verantwortung übernommen und den Mut gehabt haben, eigene Wege zu gehen.
Als Ausbilder freue ich mich deshalb nicht nur über gute Prüfungsergebnisse. Ich freue mich darüber, wenn Teilnehmende wachsen, ihre eigenen Stärken entdecken und erleben, dass ihre Arbeit einen echten Unterschied machen kann.
Genau deshalb ist die betriebliche Lernphase für mich weit mehr als ein Pflichtbestandteil einer Umschulung.
Sie ist der Abschnitt, in dem Lernen sichtbar wird. Und manchmal hinterlässt dieses Lernen Spuren, die Jahre später noch Teil der Lehrwerk-Geschichte sind.
Mehr über unsere Umschulungen erfahren Sie auf den Seiten Anwendungsentwicklung und Systemintegration.
